Weihnachtsliedermesse

Georg Stangelberger zu seiner “Weihnachtsliedermesse”, komponiert im “Corona-Jahr” 2020

Als ich am Beginn der Corona-Epidemie mehr Zeit als üblich hatte, entstand die Idee einer Messkomposition für die Weihnachtszeit. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir alle noch die Hoffnung, dass zu Weihnachten der ganze Spuk vorüber sein würde – wie sehr man sich doch täuschen kann…

Der Gedanke war, bekannte Weihnachtslieder zu verwenden, die vom Rhythmus her zum liturgischen lateinischen Messtext passen. Einige Lieder boten sich fast von selber an, nach anderen musste ich ein wenig suchen. Die Integrität der einzelnen Gesänge wollte ich so gut wie möglich wahren, manchmal jedoch nahm die Frustration über die ganze Situation doch überhand, was dem und der Zuhörenden sicher nicht verborgen bleibt: Kreative Künstler sind von ihren Emotionen getrieben…

Die Auswahl der einzelnen Stücke erstreckt sich von den bekannten alpenländischen über europäische bis hin zu moderneren amerikanischen Weihnachtsliedern.

„Alle Jahre wieder“ bot sich für das erste Kyrie bestens an, „Ihr Kinderlein kommet“ für das Christe und das ursprünglich sizilianische „O Du fröhliche“ für das zweite Kyrie, doch die Fröhlichkeit wird in der Bitte um Erbarmen harmonisch abgeändert, um die Intensität des Gedankens stärker zum Ausdruck bzw. Erklingen zu bringen.

Im Gloria fungiert das erwartungsvolle „Morgen Kinder wird‘s was geben“ als Einführung und wird im Laudamus von „O Tannenbaum“ abgelöst. Im Gratias übernimmt der Sechs-Achtel-Takt des „Süsser die Glocken nie klingen“ – ein Lied, das mir seit meiner frühesten Kindheit der Inbegriff von Weihnachten war – und wird beim Qui Tollis wieder zu „O Tannenbaum“ zurückgeführt. Im Quoniam begegnen wir Mendelssohns „Hark the Herald Angels Sing“ und schließen das Gloria auch damit ab.

Für die etwas archaische Struktur des Credo erschien mir die modale Melodie von “God rest ye Merry Gentlemen” passend, die zunächst unisono und dann mehrstimmig verarbeitet wird. Passend zur Geburt Jesu’ erklingt das Wiegenlieds „Joseph, lieber Joseph mein“. Den Ernst der Kreuzigung bringt uns wieder die Anfangsmelodie näher. Im „Et resurrexit“ brennen am Weihnachtsbaum die Lichter – als Symbol für das Licht, das durch die Auferstehung zu uns gekommen ist… „Engel singen frohe Lieder“ zum Et in Spiritum Sanctum, und beim Et Vitam Venturi ist passenderweise der „Heiland geboren“, der doch das ewige Leben gebracht hat.

Im Sanctus erscheinen mit “Kommet ihr Hirten” diejenigen, die auf dem Feld als erste die Engel mit dem Hosannah gehört haben, denn “Es hast sich heut’ eröffnet das Himmlische Tor”. Im Benedictus findet sich die Melodie von „Have yourself a Merry Little Christmas“, einem besinnlichen Weihnachtslied, das dazu auffordert, Freude im Herzen zu tragen.

Das Agnus Dei ist für mich in dieser Zeit der große Aufschrei der Menschheit mit der nochmaligen Bitte um Erbarmen. Das Polnische Weihnachtslied „Seht das Kleine, seht das Reine“ oder „W Żłobie Leży“ bildet das Fundament für diesen harmonischen Flehruf, der die gewohnte Tonalität verläßt und erst im Dona Nobis Pacem mit dem karibischen Weihnachtslied „Mary‘s Boy Child Jesus Christ“ eine friedliche Auflösung mit der Hoffnung auf ein baldiges Ende der das Jahr 2020 beherrschenden Pandemie erfährt.